Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es das Joint Venture Priority Freight Europe. Dahinter stehen ein Notfalllogistiker und ein SCM-Anbieter – eine ungewöhnliche Kombination.
Auf jeden Topf passt ein Deckel, heißt es so schön. Manchmal fragt man sich allerdings, wie da zwei Parteien zusammengekommen sind. Auf den ersten Blick verhält es sich auch so bei dem Gemeinschaftsunternehmen Priority Freight Europe mit Sitz in Willich. Gegründet wurde der Newcomer mit seinen derzeit vier Mitarbeitern im Herbst vergangenen Jahres von Priority Freight und der Supply Chain Factory (SCF). Der britische Notfalllogistiker mit Hauptsitz in Dover ist mit 51 Prozent beteiligt. Die restlichen Anteile hält der deutsche 4PL-Dienstleister mit Hauptsitz in Düsseldorf. Teure Sonderfahrten und Notfalllogistik auf der einen Seiten und weitsichtiges Supply Chain Management auf der anderen Seite – wie passt das zusammen?

Viel Verbesserungspotenzial

Es scheint wirklich kaum gemeinsame Interessen zu geben. Und wenn man SCF-Geschäftsführer Nicolas Kühnel zuhört, verstärkt sich dieser Eindruck zunächst eher noch, wenn er sagt: „25 Prozent der Sonderfahrten sind nicht wirklich nötig“, und 4PL bedeute, Prozesse schlanker zu machen, und nicht, auf allen Stufen mitzuverdienen. Tatsächlich sind aber beide Seiten von dem Joint Venture absolut überzeugt. Dafür führen sie diverse Gründe an.

So schätzt Kühnel an der britischen Priority Freight, dass die Verantwortlichen Andrew Austin und Neal Williams „über den Tellerrand“ hinausschauten. Konkret: Es sei ein Unternehmen, das sich quasi als 4PL für Sonderfahrten positioniere. Statt den Gewinn durch möglichst viele, teure Sonderfahrten zu maximieren, ziele Priority Freight eher auf langfristige Partnerschaften und Gewinnerzielung ab. Ein gutes Beispiel für eine solche, auf lange Zusammenarbeit ausgerichtete Verbindung ist jene von Priority Freight mit Jaguar Land Rover. Der Dienstleister ist exklusiver Sonderfahrtenanbieter für den Automobilhersteller.

Austin und Williams wiederum sind auf die vergleichsweise kleine Supply Chain Factory mit ihren 19 Mitarbeitern aufmerksam geworden, weil sie die IT-Kompetenz und das Know-how von Kühnel und seinem Team in Sachen Transportation Management schätzen. Wie wichtig das gerade als Dienstleister für die Automobilindustrie sei, habe das Beispiel Japan eindrücklich bewiesen, betont CEO Austin. „Wir müssen heute weiter entlang der Supply Chain planen und kontrollieren können, das verlangen die Kunden“, sagt der erfahrene Logistikmanager. SCF mit seinem Control Tower kommt den Briten da sehr gelegen.

So weit die langfristigen, strategischen Gründe für das Gemeinschaftsunternehmen. Nicht von der Hand zu weisen ist indes auch, dass Priority Freight mit der Niederlassung in Willich seine Präsenz auf dem Kontinent deutlich ausbaut. „Gerade in Deutschland muss man als Notfalllogistiker mit Schwerpunkt Automotive einfach vor Ort sein“, unterstreicht Managing Director Williams. So kann das Unternehmen die internationalen Kunden bei den Einsätzen besser bedienen und hat nun auch einen Trumpf in der Hand, wenn es um europaweite Kontrakte geht. Ferner dient Willich als Expansionsbasis nach Osteuropa und Anschlussstelle nach Russland. Dort unterhält Priority Freight bereits eine Niederlassung in Moskau. SCF profitiert von dem Joint Venture ebenfalls. „Wir bekommen mit der Notfalllogistik ein weiteres Standbein“, erläutert Geschäftsführer Kühnel. Zudem könne er aus dem Engagement wiederum wichtige Erkenntnisse für sein Stammgeschäft 4PL gewinnen, denn: „Defekte in der Supply Chain lassen sich besonders gut durch Sonderfahrten aufspüren.“

Angebot diversifizieren

Gemeinsam wollen die beiden Joint-Venture-Partner, die derzeit jeweils sehr stark mit der Automotive-Branche verwoben sind, zudem in weitere Branchen expandieren. Hightech, Healthcare und Pharma stehen ganz oben auf der Liste. Vorstellen können sich Austin, Kühnel und Williams aber auch, ihre Kombination aus Transportation Management und Notfalllogistik der Öl- und Gasindustrie anzubieten. „Denkbar sind ferner Transporte von Prototypen und die Transportplanung für die Windkraftbranche, da dort die Anforderungen denen im Öl- und Gassektor sehr ähnlich sind“, sagt Kühnel. Und last but not least feilen die Partner daran, das Angebotsportfolio zu ergänzen. Reverse- und Ersatzteillogistik sind hier vielversprechende Stichworte.

Quelle: DVZ – Deutsche Logistik-Zeitung
5.5.2011

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